
Die 5. Charity der Solodaris Stiftung setzte sich mit persönlichen Krisen und dem Umgang damit auseinander. Offen mit Verletzungen jeglicher Art umgehen, darüber reden, sich helfen lassen: Dies das Fazit der gelungenen Veranstaltung im Oltner Stadttheater.
180 Interessierte sorgten am vergangenen Freitag in Olten für einen Rekordaufmarsch zu Gunsten einer guten Sache. Den diesjährigen Erlös verwendet die Solodaris Stiftung mit Sitz in Solothurn für die Anschaffung eines Transportfahrzeugs. Wer kam, tat aber auch sich selber Gutes. Obwohl die Referierenden einen ganz unterschiedlichen Bezug zum Thema – «Verletzungen. Wege und Rezepte, um aus der ganz persönlichen Sackgasse zu kommen» – haben, so schälten Experten und Betroffene doch gewisse Kernaussagen heraus. Zum Beispiel diese: Es lohnt sich offenbar, mit einer persönlichen Krise so offen wie möglich umzugehen. Denn, so Psychotherapeut Rolf Heim, der eigens für die Charity einen Leitfaden verfasst hatte: «Offenheit ist ein gutes Gegenmittel zu Angst und Verunsicherung.» Verständlicherweise fällt dies nicht allen leicht. Umso froher machen Heim Prominente, die mit ihrer eigenen Verletzlichkeit an die Öffentlichkeit gehen und Mut machen, darüber zu reden.
Ruedi Josuran zum Beispiel. Der frühere DRS-Redaktor kennt psychische und physische Wunden aus eigener Erfahrung. Aber während er nach seinem Herzinfarkt «tonnenweise SMS, Fürchtekörbe und Einladungen für die Zeit danach» erhielt, erntete er nach Bekanntwerden der Depression in seinem Umfeld Rückzug und Schweigen. Josuran: «Es kann nicht sein, dass jede fünfte Person von einer Depression betroffen ist – und das Thema trotzdem noch tabu ist.» Als Coach versucht er jetzt für Betroffene das zu sein, was er damals selber gebraucht hätte: Ein Freund, der einen Teil des Weges gemeinsam geht.
Über seine eigene tiefe Krise sprach auch der ehemalige Kriegsreporter Carl Just. Er brauchte viel zu lange, bis ihn die Ärzte nicht einfach als Alkoholiker abstempelten, der all die schrecklichen Bilder zu ertränken versucht, sondern bis er sich gezielt helfen lassen konnte. Diagnose: posttraumatische Belastungsstörungen. Sein Rezept: Hilfe suchen, Hilfe finden, Hilfe annehmen. Das fiel ihm, dem «selbstverliebten Marlboromann», der lange Jahre nur eines nicht hatte sein wollen, nämlich ein Mensch mit Schwächen, nicht leicht. Deshalb predigt Just heute öffentlich, dass es keine Schande sei, Fehler zu machen. «Aber es ist ein Fehler, aufzugeben.»
Aufgeben? Heinz Frei hatte nach seinem Sportunfall, der ihn mit zwanzig von einem Moment auf den anderen an den Rollstuhl fesselte, monatelang Zeit, um – bewegungslos im Bett liegend – ans Aufgeben zu denken. Er hatte erst lernen müssen, die grösstmögliche Selbstständigkeit herzustellen. «Der Kopf, mit all den Wünschen und Träumen, musste sich erst zum Körper runter begeben, damit beide – gemeinsam – wieder Stufe um Stufe rauf kommen konnten», erklärte der mehrfache Paralympicsieger eindrücklich. Just dies gibt er nun den Patienten im Paraplegikerzentrum Nottwil mit auf den Weg, wo er als eigentlicher Mutmacher und natürlich als grosses Vorbild tätig ist. Im Wissen darum, dass es Patentrezepte nicht gibt.
Die hat auch Ski-Ass Dominique Gisin nicht. Sie, die sich auch durch acht Knieoperationen nicht aus der Bahn hat werfen lassen und mittlerweile dreifache Weltcupsiegerin ist. Irgendwann riet ihr der Arzt: «Geh mal zum Psychologen.» Sie tat, wie geheissen, und redete «vier, fünf Stunden» mit dem Mann, der nun ihr Mentalcoach ist. Für die 26-Jährige ist Mentaltraining wie Konditionstraining. Sie betreibt es täglich, beispielsweise in Form gezielter Atemübungen. Obwohl sie unverändert heiss auf Siege ist, sagte die 26-Jährige im Oltner Stadttheater ganz ohne Koketterie: «Mit der Zeit wird der Weg das Ziel.» Sprich: Ohne all die erlittenen Verletzungen, so bitter diese im Moment auch sind, wäre sie nicht die Person, die sie heute ist.
Aus philosophischer Sicht nahm sich der Theologe und Philosoph Reto Stampfli der Thematik an. Interessant, dass im Vokabular der Philosophie der Begriff «Verletzung» gänzlich fehlt – dies im Gegensatz natürlich zur Psychologie. Er verglich die Japaner mit ihrer legendär stoischen Ruhe mit dem typischen Schweizer, der viel rascher verletzt sei. Vielleicht logisch, sind wir laut Stampfli auch als Jammerer «europäische Spitze auf hohem Niveau.» SF-Frau Barbara Bürer sorgte für Betroffenheit, indem sie zwei Dialoge aus ihrer Sendung «nachtwach» abspielte. Kein Wunder, schläft sie nach ihrer Sendung oft auch morgens um drei noch nicht. Ob es ihre Sendung denn brauche, hakte Moderator Franz Fischlin nach. «Ja. Das Bedürfnis, zu reden, zu erzählen, ist da», weiss Bürer, die den journalistischen Ansatz ihrer Arbeit als Callin-Frau unterstrich.
Heute weiss man: Krisenresistenz ist kein Zufall. Sondern das Resultat von eigenem Verhalten und günstigen äusseren Faktoren. Wie Rolf Heim in seinem Leitfaden schreibt: Es ist keine Schande, an die eigenen Grenzen zu kommen. Denn nur dort kann man über sich selber hinauswachsen.
Zu überzeugen wussten an der Solodaris Charity einmal mehr Franz Fischlin und sein «Partner» in der Moderation, der eigentümliche Beamte Dr. Walter B. Grünspan. Fischlin hakte gewohnt souverän und hartnäckig nach, Grünspan fasste den Tag brillant zusammen. Und als Duo schafften sie die heikle Gratwanderung, ein schwieriges Thema immer wieder auflockern zu können, ohne auch nur einen Moment lang Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Anlasses aufkommen zu lassen.
Solodaris-Geschäftsführer Daniel Wermelinger sprach von einem «tollen Anlass und grossen Erfolg». Zum Vormerken: Die sechste Ausgabe der Charity findet am 27. April 2012 statt.
Nachfolgend eine Auswahl der Fotos vom Aare Forum 2011
(Fotos: Helge Landberg, Wolfgang Niklaus):
Referate:
Ruedi Josuran
Barbara Bürer
Heinz Frei
Reto Stampfli
Carl Just
Rückblick:
4. Aare Forum 2010
3. Aare Forum 2009
2. Aare Forum
2008
1. Aare Forum 2007