Aare Forum

Das Wort als Geburtshelferin der Bedeutung
13. Aare Forum der Solodaris Stiftung in Olten

250 Personen, eine Rekordzahl, wollten sich das 13. Aare Forum der Solodaris Stiftung am 3. Mai im Oltner Stadttheater nicht entgehen lassen. Kommunikation und damit die Sprache in ihrer ganzen Vielfalt standen an diesem Tag mit vielen interessanten Referierenden im Fokus. Aber auch der Spass und selbst die Entschleunigung kamen nicht zu kurz.

Der Mond gilt im Germanischen als Zeitmesser, während er im Italienischen (luna) oder Französischen (lune) für sein prächtiges Leuchten steht. Damit ist schon gesagt: Die Sprache, sie bringt Ordnung ins Unbestimmte, sie macht den Unterschied aus. Mit dieser Definition stieg der Philosoph Ludwig Hasler in sein einführendes Referat am 13. Aare Forum in Olten ein. Und hielt präzise fest: «Das Wort fungiert als eigentliche Geburtshelferin der Bedeutung.» Folglich schildere Kommunikation nicht eine bestehende Welt, sondern eine Bedeutungswelt. Eine Meinung, das sage schon der Wortstamm «mein», könne nicht die Wahrheit sein, müsse sie sich doch erst an anderen Meinungen reiben. Erst die Kommunikation mache es möglich, dass die gegenseitigen «Gescheitheiten» aufgefressen würden – und am Ende vielleicht so etwas wie die Wahrheit stehe, sagte Hasler.
Nein. In Kulturpessimismus mag Ludwig Hasler nicht verfallen, wie er auf die Frage von Moderatorin Sonja Hasler entgegnete, die souverän und hartnäckig-lustvoll wie immer durch den Anlass führte. Schliesslich ists sein Bestreben, dass auch «das Denken ein Vergnügen ist». Deshalb darf man sich auf ein neues Buch des 74-Jährigen freuen. Ein Buch gegen die «bescheuerte Idee», ab sechzig einfach mal dreissig Jahre lang ausruhen zu wollen ...

Geerdeter, aber nicht minder aufschlussreich, wurde es bei Angelika Ramer und ihren Standards für gute Korrespondenz. Es gebe kein richtig oder falsch, sagte sie, um dann doch einigen Floskeln den Kampf anzusagen: «Um Kenntnisnahme bitten ... » etwa, das töne furchtbar. Oder auch der Klassiker
« ... jederzeit zur Verfügung stehen». Das hinterlasse doch schlicht ein ungutes Gefühl. In der von ihr entwickelten Osorno-Strategie sind Worte Basis und inneres Feuer eines Unternehmens und dienen als Richtschnur. «Sie sind der richtige und lebendige Standard für Brief und E-Mails», sagte Ramer vor den 250 Zuhörern im Oltner Stadttheater. Es brauche auch in der Korrespondenz Werte wie Menschlichkeit, Offenheit oder Respekt. Ihr Credo: «Mensch vor Inhalt – das erzeugt die bessere Korrespondenz.»
Die Frage der Moderatorin, ob Emojis in Geschäftsmails zulässig seien, bejahte sie. Das sei letztlich eine Frage der Balance.

Soziale Einbettung ist wesentlich für Resilienz
Gleich zweimal stand danach die Kommunikation in der Krise oder zumindest unter sehr erschwerten Bedingungen auf dem Programm. So erzählte Ulrich Schnyder als einer der international führenden Experten im Bereich der Psychotraumatologie von einem Mann, der sich am Feierabend mit der Partnerin streitet, duscht und mitbekommt, wie diese würgt und hustet und das Bewusstsein verliert. Zwar alarmiert er sofort die Sanität, doch die Frau stirbt. Die Folge: Beim Mann stellen sich Schlaflosigkeit, Schuldgefühle und Flashbacks ein und eine Woche später eine tiefe Depression. Erst die Idee seines Patienten, die Audiospur seines Anrufs beim Notfall abzuhören und so quasi mit sich ins Reinen zu kommen, habe schlagartig für Besserung gesorgt, schilderte Schnyder. Das Problem bei posttraumatischen Störungen wie diesen: Sie machen sprachlos. Dabei läuft eine Behandlung exakt über – die Sprache. Es geht darum, das Leid zu teilen, Emotionen zuzulassen und sprachlich benennen zu können.
Beruhigen mag, was der emeritierte Professor, der auch oft mit (sprachlosen) Flüchtlingen zu tun hatte, zum Thema Resilienz, also zu psychischer Widerstandsfähigkeit, festhielt: «Die meisten Menschen sind erstaunlich stressresistent!» So oder so sei soziale Unterstützung, soziale Einbettung ein ganz wesentlicher Faktor für Resilienz.

Als Krisenmanager einen Namen gemacht hat sich der Bündner Christian Gartmann, sei dies nach dem Bergsturz in Bondo oder nach dem Absturz der JU-52 bei Flims. Deshalb weiss er: «Krise zerstört Vertrauen!» Vertrauen, welches mittels aktivem und gutem Krisenmanagement und professioneller Krisenkommunikation erst wieder neu aufgebaut werden müsse. Er zeigte in seinem Referat anschaulich auf, wie er im konkreten Fall die Risiken identifiziert und die möglichen Szenarien beschreibt. Medienarbeit sei zwar enorm wichtig, aber nur ein kleiner Teil der Krisenkommunikation, sagte Gartmann. «Enorm wichtig ist die Themenführerschaft, also durch aktive und interaktive Kommunikationsarbeit Gerüchten vorzubeugen.»
Salamitaktik übrigens, wie sie aktuell bei Bundesanwalt Michael Lauber zu beobachten ist, der stets nur zugibt, was die Medien recherchiert haben, klappt selten. «Es geht so lange gut, bis einer aufs Pfefferkorn beisst... ».

Die Kommunikation mit dem Taktstock
Nach der Mittagspause war es an Graziella Contratto, den Faden wieder aufzunehmen und von ihren Erfahrungen als Orchesterdirigentin zu erzählen und zu erklären, was Führen und Kommunizieren in einem Orchester bedeutet. Sie leitete ihr Referat geschichtlich her, vom Dirigenten, der erst als Koordinator und später als Ersatzaristokrat fungiert habe. Als Folge davon seien die Einzelmusiker entmündigt worden. Anhand einiger Konzert-Einspielungen näherte sich Contratto gänzlich unterschiedlichen Persönlichkeiten und Temperamenten mit Taktstock an. Einem Leonard Bernstein beispielsweise, der laut Contratto «eine charismatische, klare Form von Kommunikation» betrieb. Dirigieren, betonte sie, sei aber immer auch Handwerk.

Das Kommunikationsverhalten am Arbeitsplatz war Thema des Referates von Stefanie Moser. Eine Umfrage im Publikum des Aare Forums via Smartphone ergab: Eine Mehrheit bevorzugt noch immer das gute alte persönliche Gespräch. Erst dann folgen der Gebrauch von E-Mail und anderen Formen von Textnachrichten. Die Referentin hielt ein Plädoyer für eine gezielte und vor allem kluge Nutzung der neuen Kommunikationskanäle. «Wir sollten uns dringend von der Haltung verabschieden, immer und jederzeit alles wissen zu müssen», hielt sie dezidiert fest. «Das aktuelle Tempo mithalten? Müssen wir das wirklich?» Die Frage von Stefanie Moser war rhetorischer Natur.

Mit Preisschild eine andere Meinung als ohne
An Politologe Michael Hermann wars, diesen interessanten Tag zu beschliessen. Er sagte, dass die klassischen Meinungsmacher als Folge des digitalen Medienwandels an Einfluss verlieren. Das heisst auch: Der Graben zwischen Volk und sogenannter «Classe politique» schliesst sich. Und was die Umfragen betrifft: Die sind oft besser als ihr Ruf, wie etwa im Vorfeld der Trump-Wahl in den USA. Oft genug hatten die Kommentatoren ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert, was durchaus den späteren Fakten entsprach. Aber weil dann aufgrund des speziellen Wahlsystems in den Staaten nicht Hillary Clinton, sondern Donald Trump gewählt wurde, galten die Umfragen flugs als völlig daneben. Neckisch seine Feststellung, dass das grösste Tabuthema in unserem Land bei Umfragen nicht etwa psychische Krankheiten sind, sondern das Einkommen ... Im Übrigen stellt Hermann oft fest: «Die Leute haben mit Preisschild eine andere Meinung als ohne.» Sprich: Solange nicht von den Kosten die Rede ist, ist man noch schnell einmal für dies und jenes.
Der legendäre Fragebogen von Max Frisch hat aus Hermanns Sicht Vorbildcharakter. Denn: «Ein guter Fragebogen macht etwas mit einem.» Er sei ja schliesslich eine Art Gespräch, ergo auch Kommunikation.

Am Ende schloss sich der Kreis. Ludwig Hasler hatte zu Beginn des Tages gesagt, Idioten habe es schon immer massenhaft gegeben, sie seien jetzt einfach besser vernetzt. Und Michael Hermann verwies auf den amerikanischen Journalisten Henry Mencken, der 1920 (!) wie folgt zitiert wurde: «Wenn die Demokratie sich fortlaufend perfektioniert, widerspiegelt die Präsidentschaft immer exakter die innere Seele des Volkes. Eines grossen und glorreichen Tages wird sich der Herzenswunsch der einfachen Leute erfüllen und das Weisse Haus mit einem wahren Idioten verziert sein.»

Entschleunigung der perfekten Art
Ganz wunderbar entschleunigend an diesem tollen Tag waren übrigens die drei Einlagen von Thomas Leuenberger alias Baldrian. Sein am Vormittag stipuliertes Ziel, aus dieser schnelllebigen Zeit das Tempo rauszunehmen, setzte er perfekt in die Tat um. Schliesslich, so Baldrian, ist ja auch später tot, wer langsamer lebt. Mal trat er als Fahnenschwinger auf, bezeichnenderweise mit Schnecke als Emblem. Mal mit seiner Gisela, einem wundersamen, gasgefüllten Wesen aus silbernen Ballons mit Propellerantrieb. Eine Gisela, die Baldrian mittels Fernsteuerung durch das Stadttheater schweben liess. Und für Staunen und ein Gefühl der Leichtigkeit sorgte. Und dies wohl bei jedem Einzelnen der 250 zufriedenen Besucher des 13. Aare Forums.

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